News | 15. September 2026 | Katharina Frohne

Von ehrenamtlichen Fischbeobachtungen zur internationalen Forschungsressource

Illustration_Fischartenatlas

Ein neues Data Paper im Biodiversity Data Journal beleuchtet, wie Daten des GfI-Fischartenatlas für die wissenschaftliche Nutzung erschlossen werden konnten. Die Publikation ist Ergebnis einer Zusammenarbeit, die bereits in der ersten Förderphase von NFDI4Biodiversity (2020-2025) begann und nun in einem Topic Table weiterführt wird.

Wer herausfinden möchte, wo eine spezifische Fischart vorkommt, kann das ganz einfach nachschlagen – sollte man meinen. Tatsächlich liegen die Antworten häufig über viele Stellen verteilt: in wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Abschlussarbeiten, in behördlichen Katastern, regionalen Datenbanken oder den Aufzeichnungen ehrenamtlich tätiger Fischkundler:innen. Die Angaben wurden zu unterschiedlichen Zeiten, mit unterschiedlichen Methoden und in verschiedenen räumlichen Maßstäben erhoben. Manche Fundorte sind exakt vermessen, andere lediglich einem Gebiet auf einer topografischen Karte zugeordnet.

Für Forschung und Naturschutz ist das ein Problem – denn es braucht verlässliche und länderübergreifend vergleichbare Verbreitungsdaten, um Bestandsveränderungen untersuchen, den Zustand von Gewässern bewerten oder Maßnahmen zum Schutz von Arten und Lebensräumen fundiert begründen zu können.

Wie aus den vielen einzelnen Quellen ein belastbarer Datenbestand entstehen kann, beschreibt nun ein Team um die Gesellschaft für Ichthyologie e.V., das innerhalb des NFDI4Biodiversity-Konsortiums zusammengefunden hat. Der Beitrag The ‘GfI-Fischartenatlas’ of the German Ichthyological Society (GfI) – A compilation of validated fish species occurrence records erschien im Juli 2026 in einem Data Paper im Biodiversity Data Journal. Beteiligt waren Autor:innen der Hochschule Bremen, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels – Museum Koenig Bonn, der Gesellschaft für Biologische Daten (GFBio e.V.) und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ).

Das Paper beleuchtet, was oft im Hintergrund bleibt: Woher stammen die Daten? Und wie genau wurden sie nutzbar gemacht?

Ein Data Paper unterscheidet sich dabei von einem klassischen Forschungsartikel. Im Mittelpunkt steht nicht die Überprüfung einer Hypothese, sondern die Entstehung eines Datensatzes. Beschrieben werden unter anderem Herkunft, Aufbau, Qualitätskontrolle, technische Formate und Möglichkeiten der Nachnutzung.

Diese Fragen sind entscheidend. Denn Daten, die zugänglich sind, sind noch lange nicht verständlich – und erst recht nicht automatisch wissenschaftlich belastbar. Wer Vorkommensangaben für eine Analyse verwenden will, muss einschätzen können, was ein Eintrag bedeutet, woher er stammt, wie er geprüft wurde und wo die Grenzen seiner Aussagekraft liegen.

Diese Informationen führt die neue Publikation für den GfI-Fischartenatlas zusammen. Sie macht damit auch die oftmals unsichtbare Arbeit hinter einer Biodiversitätsdatenbank sichtbar: die Recherche und Erfassung von Quellen, die Vereinheitlichung von Artnamen, die Prüfung eingereichter Beobachtungen, die Dokumentation räumlicher Ungenauigkeiten, der Aufbau einer technischen Infrastruktur, die Klärung rechtlicher Fragen.

Forschende können so beurteilen, ob die Daten für ihre konkrete Fragestellung geeignet sind. Betreiber vergleichbarer Datenbanken wiederum erhalten ein Praxisbeispiel dafür, wie sich ein über Jahre gewachsener, uneinheitlicher Bestand systematisch erschließen lässt.

Ein Atlas, viele Wissensquellen

Seit 2003 betreiben die Gesellschaft für Ichthyologie und die Hochschule Bremen den GfI-Fischartenatlas. Er versammelt Informationen zur Verbreitung von Süßwasser- und Meeresfischen und verbindet dabei Wissenschaft, Praxis und Umweltbildung. Seine technische Grundlage entstand in einer Zusammenarbeit der biologischen und informatischen Fachbereiche der Hochschule Bremen. Gehostet werden die Daten von der Biodiversitätsinformatik am Museum Koenig Bonn, das zum Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels gehört.

Der Atlas enthält Angaben, die eigens für ihn erhoben wurden, aber auch Daten, die aus anderen Beständen stammen. Zum Stichtag am 13. März 2026 waren es insgesamt 136.714 Einträge. Der Datensatz, den das Data Paper ausführlich beschreibt und der über die Global Biodiversity Information Facility (GBIF) bereitgestellt wird, umfasst 62.545 Vorkommensnachweise. Sie betreffen 264 Süßwasser- und Meeresfischarten aus 16 europäischen Ländern; der Schwerpunkt liegt auf Deutschland und Österreich.

Die Nachweise stammen aus wissenschaftlicher Literatur, aber auch aus sogenannter grauer Literatur: aus Berichten, Gutachten oder Abschlussarbeiten also, die nicht regulär über wissenschaftliche Verlage veröffentlicht wurden. Hinzu kommen Beobachtungen aus Citizen-Science-Projekten.

Das Team hat die Unterschiede in der Entstehung der Daten bewusst nicht beseitigt, sondern transparent und maschinenlesbar gemacht. Nur so können spätere Nutzende entscheiden, welche Nachweise sich für ihre Untersuchung eignen – und welche nicht.

Jeder Eintrag hält fest, dass eine Art an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit oder innerhalb eines bestimmten Zeitraums vorkam. Wie genau diese Angaben sind und wie sie entstanden, unterscheidet sich allerdings erheblich. Eine Literaturquelle kann konkrete Koordinaten nennen, sie kann aber auch nur auf ein topografisches Kartenblatt verweisen. Hinzu kommen persönliche Mitteilungen und direkt eingereichte Beobachtungen.

Diese Unterschiede musste das Team nicht beseitigen – aber es musste sie sichtbar machen, transparent und maschinenlesbar. Nur so können spätere Nutzende entscheiden, welche Nachweise sich für ihre Untersuchung eignen – und welche nicht.

Qualität entsteht durch nachvollziehbare Regeln

Der wissenschaftliche Wert des Atlas liegt deshalb nicht allein in der Zahl seiner Einträge; entscheidend ist auch, wie sie geprüft und dokumentiert werden.

Die Publikation erklärt, wie aus einer Quelle einzelne Beobachtungen werden – und daraus artspezifische Vorkommensnachweise. Angaben aus Literatur und Datenbanken bleiben ebenso mit ihrem Ursprung verknüpft wie persönliche Mitteilungen oder direkt eingereichte Funde. Die verwendeten Artnamen werden mit einer etablierten taxonomischen Referenz abgeglichen. So bleibt nachvollziehbar, welche Art gemeint ist, wenn eine Quelle eine ältere oder regional abweichende Bezeichnung verwendet.

Auch die Grenzen der Daten werden benannt. Der Atlas dokumentiert, wo eine Art vorkommt – nicht aber systematisch, wo sie fehlt. Gibt es für ein Gebiet keinen Eintrag, bedeutet das deshalb nicht automatisch, dass die betreffende Art dort nicht lebt. Für wissenschaftliche Analysen kann dieses Wissen ebenso wichtig sein wie der Fundpunkt selbst.

Die Publikation schafft damit Transparenz über Entscheidungen, die auf einer fertigen Verbreitungskarte kaum noch zu erkennen sind. Sie zeigt: Datenqualität entsteht in einem communitybasierten Projekt nicht durch vollkommene Einheitlichkeit, sondern durch fachliche Prüfung, dokumentierte Herkunft und Unsicherheiten, die klar ausgewiesen werden.

Beginn als NFDI4Biodiversity-Use-Case-Projekt

Die Arbeit daran, die Daten breiter nutzbar zu machen, begann während der ersten Förderphase von NFDI4Biodiversity. In den Use Cases, einem explorativen Format dieser Phase, bearbeiteten Partner aus der Biodiversitätscommunity konkrete Probleme gemeinsam mit fachlichen und technischen Expert:innen des Konsortiums.

Beim Fischartenatlas ging es darum, Daten und Werkzeuge für Wissenschaft, Verwaltung und Umweltbildung besser zugänglich zu machen. Und darum, den Bestand an übergreifende Forschungsdateninfrastrukturen anzuschließen.

Zunächst prüfte das Team, ob die notwendigen Metadaten vorhanden waren und wie sie sich in einen etablierten Standard für Biodiversitätsdaten überführen ließen. Gemeinsam mit dem Museum Koenig Bonn wurde ein BioCASE-Provider eingerichtet. Über diese standardisierte Schnittstelle können die Beobachtungsdaten im ABCD-Format bereitgestellt und mit dem Netzwerk von NFDI4Biodiversity sowie internationalen Infrastrukturen wie GBIF verbunden werden.

Für Nutzende bleiben solche technischen Arbeiten meist im Hintergrund. Dabei entscheiden gerade sie darüber, ob Daten nur auf einer einzelnen Webseite betrachtet werden können – oder ob sie sich automatisiert abrufen, mit anderen Beständen verbinden und für übergreifende Analysen nutzen lassen.

Der Fall berührt damit eine Kernaufgabe von NFDI4Biodiversity: Wertvolle, bislang dezentral organisierte Daten sollen nach den FAIR-Prinzipien auffindbar, zugänglich, interoperabel und nachnutzbar sein. Der Use Case zeigt zugleich, dass dafür keine Standardlösung ausreicht. Die Infrastruktur muss zu den Daten und ihren Quellen passen – und zu der Community, die sie zusammengetragen hat.

Offene Daten brauchen auch rechtliche Klarheit

Doch es ging nicht nur um technische Fragen. Der Atlas ist über viele Jahre gewachsen, zahlreiche Angaben stammen von freiwillig Mitwirkenden oder wurden aus bestehenden Quellen übernommen. Vor einer internationalen Veröffentlichung musste deshalb geklärt werden: Wer darf über die Daten verfügen? Welche Angaben sind urheber- oder datenbankrechtlich geschützt? Und unter welchen Voraussetzungen dürfen die Namen der Beitragenden veröffentlicht werden?

NFDI4Biodiversity initiierte dazu ein Rechtsgutachten zur Veröffentlichung und Nachnutzung von Artvorkommensdaten. Am Beispiel des GfI-Fischartenatlas untersuchte es Urheberrecht, Datenbankschutz, Datenschutz, Forschungsethik und Lizenzierung. Das Ergebnis: Einer Integration in GBIF steht grundsätzlich nichts entgegen – sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehören insbesondere die Einwilligung freiwillig Beitragender sowie entsprechend ausgestaltete Nutzungs- und Datenschutzbestimmungen.

Erstellt wurde das Gutachten von Tom Grünberger vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU). Die GfI brachte als Praxispartner den Datenbestand und die konkreten Fragestellungen ein, GFBio e.V. förderte die Begutachtung. Anschließend wurden die Daten des Fischartenatlas entsprechend den Empfehlungen des Gutachtens veröffentlicht.

Auch dieser Teil der Entstehungsgeschichte reicht über den Atlas hinaus: Citizen-Science-Daten sollen möglichst offen zur Verfügung stehen. Zugleich müssen die Rechte und Interessen jener Menschen gewahrt bleiben, die sie erhoben haben. Das Gutachten und die neue Publikation zeigen: Offenheit und Rechtssicherheit sind keine Gegensätze, aber sie müssen zusammengedacht werden – idealerweise von Beginn an.

Die Zusammenarbeit geht weiter – als NFDI4Biodiversity Topic Table

Derzeit wird die Zusammenarbeit weiter fortgesetzt: im NFDI4Biodiversity-Topic-Table Integration von Citizen-Science-Daten für das Monitoring von aquatischen Lebensräumen, in dem Citizen-Science-Projekte, Forschung, Fachgesellschaften, Behörden und Naturschutzakteur:innen zusammenarbeiten, um Ansätze für die Archivierung, Kuration, Harmonisierung und FAIR-konforme Veröffentlichung aquatischer Beobachtungsdaten zu entwickeln.

Im Mittelpunkt steht dabei eine grundlegende Herausforderung des Biodiversitätsmonitorings: Ehrenamtlich erhobene Daten können räumliche und zeitliche Lücken wissenschaftlicher und behördlicher Erhebungen schließen – theoretisch. In der Praxis kann dieses erhebliche Potenzial jedoch nur zum Teil genutzt werden, weil die Bestände – wie im Fall des Fischartenatlas – nach unterschiedlichen Regeln geführt werden und sich die Daten insofern nicht ohne Weiteres miteinander verknüpfen lassen. Der Topic Table untersucht deshalb die Möglichkeiten und Grenzen solcher Verknüpfungen.

Gutachten bietet ähnlichen Sammlungen Orientierung

Für Fischkundler:innen bietet das Data Paper eine detaillierte Beschreibung einer umfangreichen Quelle zu Verbreitungsdaten. Sein wissenschaftlicher Mehrwert ist jedoch nicht auf die Ichthyologie begrenzt: Viele Fachgesellschaften, Museen, Behörden, Vereine und Citizen-Science-Initiativen verfügen über Datenbestände, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Sie enthalten wertvolles Wissen, passen aber häufig nicht ohne Weiteres in die Strukturen moderner Forschungsdateninfrastrukturen: Quellen sind unterschiedlich genau dokumentiert, fachliche Begriffe haben sich verändert, technische Systeme sind historisch gewachsen und rechtliche Zuständigkeiten nicht immer eindeutig.

Die neue Publikation dokumentiert insofern nicht nur ein Ergebnis, sondern einen Weg: vom Portal einer Fachgesellschaft über technische Standardisierung und rechtliche Prüfung bis hin zur internationalen Bereitstellung und wissenschaftlichen Beschreibung – und kann so über den konkreten Fall des Fischartenatlas hinaus wertvolle Orientierung bieten.

Zur Publikation Zum Rechtsgutachten Zum Fischartenatlas
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Katharina Frohne

Katharina verantwortet in NFDI4Biodiversity die Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit und kümmert sich u.a. um diese Webseite und die Social-Media-Kanäle des Konsortiums. Bevor sie 2021 zum Projekt gestoßen ist, hat sie als Journalistin über Wissenschafts-, Kultur- und Gesellschaftsthemen geschrieben.

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